28. Die Höhle der Seelen
Merlin sah sich um. Hinter ihm war das geschlossene Tor, und er wusste, dass er nicht mehr hindurch kommen würde.
Vor ihm lag eine riesige Höhle, der Gang, der vor ihm lag, schien ins Unendliche zu gehen, und er begann, einen Schritt vor den anderen zu setzen.
Es war feucht, und entgegen seiner ersten Befürchtungen, war es nicht stockfinster, sondern eher leicht erhellt. Er lief an riesigen Gesteinsbrocken entlang, und überall neben, und über ihm, standen und hingen lampenähnliche Gebilde, die den Weg zu weisen schienen. Merlin fröstelte. Irgendwie schien es ihm zu einfach, noch war überhaupt nichts geschehen. Er wurde nicht angegriffen; hatte ihn überhaupt irgend ein Wesen hier registriert? Aber die Zeitenwächterinnen hatten ihm doch gesagt, dass jedes Lebewesen mit Seele sofort erkannt werden würde...
Wie auch immer, er ging weiter. Irgendwann musste etwas passieren, und so rechnete er sekündlich mit einem Angriff, während er einen Fuß vor den anderen setzte.
Plötzlich hörte er Geräusche. Es klang zuerst wie ein Flüstern, oder Raunen, und er hielt inne, denn er ging davon aus, dass nun der lang erwartete Angriff folgte - doch noch geschah nichts.
Das Wispern wurde lauter, dann wieder leiser, und erinnerte ihn ein wenig an seinen Weg durchs Nebelgebirge. Doch hier war kein Nebel, das war etwas anderes.
Dann registrierte er, dass das Wispern immer dann lauter wurde, wenn er an diesen kuriosen "Lampen" vorbei lief.
Wieder blieb er stehen und besah sich eines davon genauer: Es war ein großes, trogähnliches Gefäß, das eine Art riesige Kerze in sich trug. Sie flackerte, und das Flackern wurde stärker, als er an sie heran trat. Merlin hatte ein kurioses Gefühl im Magen. Er hatte keine Ahnung, was diese Kerzen zu bedeuten hatten, aber dass es keine normalen Kerzen waren, wusste er, als er sie sah. Die Flamme wackelte, als er bei ihr war, und dann hörte er eine Stimme, die aus ihr heraus zu kommen schien, doch er verstand nicht, was sie sagte.
Und plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde die Flamme riesig. Sie blähte sich auf, und schoss an ihm vorbei. Merlin gelang es gerade noch, sich zu bücken. Dann sah er auf und erschrak: Vor ihm erblickte er eine riesige Stichflamme - beinahe schon ein halbes Feuer - und er meinte, ein Gesicht in ihr zu erkennen? Das konnte doch nicht sein! Spielte ihm jetzt sein eigener Geist schon einen Streich? Hatte etwas - oder jemand - seinen Verstand ausgeschaltet?
Aber bevor er weiter darüber nachdenken konnte, hörte er erneut eine Stimme, und dieses Mal verstand er, was sie sagte: "Eine lebendige Seele!" Es klang wie eine Schlange, zischend, und irgendwie bedrohlich. Die Flamme kam näher an ihn heran, und Merlin wich ebenfalls instinktiv zurück. Hier hatte er seine Gefahr, nach der er schon Ausschau gehalten hatte...
Er hörte etwas, was beinahe klang wie ein Lachen. Dann wisperte die Flamme weiter. "Du fühlst dich guuut an - so lebendiiiig..." Und sie stieß auf Merlins Körper zu. Merlin rannte fort. Es blieb ihm nichts anderes übrig, er spürte die Hitze hinter sich, doch die Flamme konnte ihm anscheinend nicht folgen, denn sie schien mit dem Gefäß, in dem sie sich befand, "verwachsen" zu sein.
Merlin spürte irgendwann, dass sie nicht mehr hinter ihm war, die Hitze ließ nach. Dennoch war die Gefahr nicht gebannt, denn er sah überall diese Gefäße, in denen sich, wie er nun wusste, in jedem davon die Flammen befanden. Und Merlin ahnte langsam, was diese Flammen in Wirklichkeit waren: Seelen! Seelen verschiedenster Lebewesen, ob Mensch, ob Tier, was auch immer sonst noch hier war, die hier vermutlich aufbewahrt wurden. Oder war dies schon die Endstelle für sie? Doch irgendwie ahnte er, dass dies nicht der Fall war. Und diese Seelen versuchten, jetzt und hier, einen neuen Körper zu erlangen - und das war seiner! So, wie es die Zeitenwächterinnen vorausgesagt, und ihn vorgewarnt hatten.
Er spürte plötzlich von überall die Hitze der Flammen, die aus ihren Gefäßen schossen, und ihn zu jagen schienen. Merlin ahnte, dass, wenn es auch nur einer von ihnen schaffen sollte, ihn zu erwischen, es für ihn zu Ende sein würde. Was genau dann mit ihm geschehen würde, wusste er nicht, doch das war im Grunde egal, er wollte es auch gar nicht wissen. Also zog er den Kopf ein und rannte einfach nur fort. Er spürte weiterhin die Hitze, und plötzlich schoss eines der Flammen über seinen Kopf und berührte sein Ohr.
Merlin schrie auf. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Einerseits schien es ihm, als wäre es eiskalt - aber dann begann sein Ohr zu glühen. Als er es berührte, fühlte es sich an, als wäre es eingefroren! Merlin brüllte kurz auf, dann riss er sich wieder zusammen. Er musste hier heraus! Die Seelen wollten ihn! Das einzige, was er langsam bemerkte war, dass die Flammen, die immer stärker und größer wurden, anscheinend begannen, aufeinander loszugehen! Zumindest sah es so aus, einige von ihnen schossen aufeinander los, bevor eine von ihnen sich danach wieder ihm zuwandte.
Merlin nutzte die Gelegenheit, um sich bückend, aber so schnell es nur ging, weiter zu bewegen. Auch, wenn er keine Ahnung hatte, wohin er eigentlich laufen sollte - hauptsache fort von diesen körperfressenden Seelen!
Doch plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke, der so grauenhaft war, dass er kurz innehalten musste.
Was wäre, wenn Leeana eine dieser furchtbaren Seelen hier wäre? Wenn das alles hier Seelen waren, die sich nun auf die Jagd nach seinem Körper machten, warum dann nicht auch Leeanas? Doch das wollte und konnte er nicht glauben! Sie würde ihn spüren, garantiert! Und sie würde ihn nicht töten.
Doch was war, wenn der Tod sie verändert hatte? Wenn diese Welt, in der sie sich jetzt befand, sie genauso grausam hatte werden lassen? Anscheinend sehnten sich die toten Seelen nach Leben. Also warum nicht auch Leeana? Und wenn sie ihn nicht mehr erkannte? Selbst, wenn sie ihm auch jetzt, nach ihrem Tod, nichts antun wollte, hieß das ja nicht, dass sie ihn erkennen würde...
Doch dann versuchte Merlin, sich diese Gedanken aus dem Kopf zu schlagen. Er war hier, um Leeana zu suchen, und zu befreien! Er wollte sie ins Leben zurück bringen; und wenn das bedeuten würde, dass sie seinen Körper übernehmen würde, dann wäre das im Grunde auch nur ausgleichende Gerechtigkeit! Immerhin war sie seinetwegen tot!
Mit diesen Gedanken machte er sich weiter auf den Weg, vorsichtig auf den Boden kriechend. Doch er schaute hinauf zu den Gefäßen, die immer noch um ihn herum standen, eingige waren wieder ruhig geworden, andere Flammen schienen weiter oben miteinander eine Art "Ringkampf" zu führen.. Nach unten war in den letzten paar Minuten keine gesunken. Merlin fühlte dies als Zustimmung, dass die Art, sich zu schützen, richtig war.
Dann fing er an, in Gedanken nach Leeana zu rufen. Vielleicht "hörte" sie ihn ja? Wenn sie hier war, musste sie ihn doch "hören", sie hatten auch zu ihren Lebzeiten telepathischen Kontakt zueinander gehabt, das konnte doch jetzt nicht zu Ende sein?!
'Leeana? Leeana, ich bin es, Merlin! Bitte, wenn du hier bist, antworte mir! Sag mir, in welchem Gefäß du bist, ich werde dich retten! Das verspreche ich!" Er wiederholte die Worte immer und immer wieder, doch es tat sich nichts, er hörte Leeana nicht. Und er wusste nicht, ob es ein gutes Zeichen war, oder ein schlechtes. War sie unter den "Flammen" hier? Oder eventuell ganz woanders? War sie noch "seine" Leeana? Oder hatte der Tod sie bereits geholt? An diese Möglichkeit wollte Merlin nicht einmal denken; trotz der Hitze um ihn herum, fröstelte es ihn...
Der Gang schien endlos, in dem Merlin sich befand, er hatte keine Ahnung, wohin er führte und ob er überhaupt irgendwohin führte, oder ihn in die Unendlichkeit bringen würde.
Doch dann sah er plötzlich mit einem Schlag keine Stäbe mit den Gefäßen mehr, die die Seelen beinhalteten.
Merlin blieb stehen. Der Gang ging weiter, aber er war dunkel. Und es schien abwärts zu gehen? Merlin wusste zuerst nicht, ob er weiter gehen sollte, doch langsam setzte er einen Schritt vor den anderen. Er blickte sich noch einmal um - die Gefäße waren wieder erkaltet, die Flammen gesunken. Es war, als ob die Seelen niemals nach ihm gegriffen hätten. Alles, was ihn daran erinnerte, war sein versenktes Ohr, das immer noch höllisch brannte, sich aber wie vereist anfühlte, wenn er es berührte. Doch Merlin musste sich zusammen reißen. Er lief normal weiter, in die Dunkelheit hinein. Von Flammen, beziehungsweise Seelen, schien hier keine Gefahr auszugehen, oder?
Dennoch war ihm nicht wohl bei der Sache, zumal es von Sekunde zu Sekunde dunkler wurde. Merlins Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Und auch hier warnte ihn eine innere Stimme, dass bald etwas auf ihn zukommen würde. Was auch immer.
Und dann hörte er ein lang gezogenes Heulen. Es klang wie eine Mischung aus Kojote und Wolf - oder ein Werwolfshybride?
Merlin schüttelte es. Gab es auch die Seelen solcher Wesen hier? Wieso eigentlich nicht? Vielleicht waren die Flammen tatsächlich "nur" die Seelen von Menschen gewesen, die leben wollten - und hier gab es nun die Seelen der Tiere und Monster, aus seiner Welt? Auch diese mussten irgendwo bleiben; doch Merlin hatte nicht gewusst, dass der Tod auch mit ihnen etwas anzufangen wusste...
Wie auch immer, anscheinend war er hier in der "Unterwelt" gelandet. Und kaum dachte er das, sah er aus seinem Augenwinkel eine Bewegung auf sich zukommen. Der Schatten war beinahe genau so dunkel, wie die Umgebung, in der sich Merlin befand. Er wich gerade noch rechtzeitig aus, und landete an dem harten Felsen, an dem er entlang lief. Er biss die Zähne zusammen.
Das Heulen wurde stärker. Erneut wurde er angegriffen, und konnte nur erahnen, woher das Ungeheuer kam, denn sehen konnte er es nicht. Nur eine Art Schatten, den er auch mehr spürte, als dass er ihn sehen konnte. Doch dann registrierte er rote Augen. Und ein Knurren, das ihm durch Mark und Bein ging.
Merlin überlegte nicht lange. Er wusste, dass weglaufen dieses Mal nichts bringen würde, er musste kämpfen! Auch, wenn er keine Ahnung hatte, ob er überhaupt eine Möglichkeit hatte, dieses Wesen zu töten; immerhin war es doch vermutlich schon tot, wenn es hier "lebte"? Er wusste es nicht, aber er musste sich verteidigen. Und so lief er auf das Ungeheuer zu und warf sich auf ihn. Der Wolfshybride, denn es handelte sich in der Tat um einen solchen, knurrte und brüllte, und warf sich auf den Boden. Dafür, dass er ihn nicht sehen konnte, und es von daher so wirkte, als wäre dieser unsichtbar und hätte keine Konsistenz, fühlte er sich allerdings hart an, und Merlin hatte das Gefühl, er würde Rodeo reiten.
Er knallte mehr als ihm lieb war, gegen die Wände, doch er hielt dem Teufelswolf stand. Dann geschah es aber doch: Der "Ritt" wurde immer schneller - und Merlin flog in hohem Bogen von dem Ungeheuer und rutschte einige Meter über en felsigen Boden, bis er schließlich an der Wand landete. Zuerst fühlte es sich an, als wären sämtliche Knochen gebrochen, was durchaus sein könnte, immerhin lebe er! Noch...
Denn der Wolf war ihm gefolgt, und stand nun knurrend über ihm. Er sah die hochgezogenen Lefzen, und, was am bedrohlichsten wirkte, die Augen des Tieres. Wenn es ein Tier war, was Merlin bezweifelte. Er schloss die Augen, Kämpfen war aussichtslos, entweder er war zu schwach, oder dieses Monster war nicht zu besiegen... Dann hörte er das Brüllen des Wolfes, und er öffnete die Augen wieder. Seine Pupillen wurden gelb, als er ihm seine letzte Chance entgegen brüllte: "Manuesa Causales..."
Merlin wusste nicht einmal, ob hier seine Zauberkünste überhaupt noch funktionierten; scheinbar taten sie es aber, denn er sah, wie der Wolf von ihm fortgeschleudert wurde, und an die gegenüberliegende Wand krachte.
Er hörte ein Winseln, und wollte diesem Wesen den Rest geben, also trat er auf ihn zu. Dieses Mal veränderte sich etwas. Der Wolf lag vor ihm, trotz der Dunkelheit um ihn herum, konnte er ihn jetzt sehen. Dieser blickte ihn an. Seine Augen waren nicht mehr rot, sie waren gelb, ähnlich wie seine, wenn er seine Magie anwandte. Was hatte das zu bedeuten?
Dann hörte er ihn sprechen: "Ihr habt es bis hierher geschafft, Zauberer.. ich weiß, was Ihr hier sucht, doch ob es Euch jemals gelingen wird, kann ich Euch nicht sagen... Aber da Ihr es geschafft habt, den ersten Schritt zu tun und die ersten Gefahren abzuwenden, sage ich Euch jetzt, wie es weiter geht."
Langsam stand er auf und Merlin wich einige Schritte zurück. Der Wolf gab ein Geräusch von sich, das sich wie ein Lachen anhörte: "Keine Sorge, ich werde Euch nicht töten. Nicht mehr... Hört mir zu: Ihr wollt die Seele eines bestimmten Menschen zurück, nicht wahr? Fragt mich nicht, woher ich es weiß, ich weiß es eben! Ich kann Euch nur soviel sagen: Ab jetzt wird Euch hier nichts mehr geschehen, der Weg ist frei. Geht ihn weiter, bis zum Ende. Es werden keine Kreaturen der Nacht kommen, diese habe ich abbestellt. Allerdings werdet Ihr hier nicht wirklich viel erkennen, und der Weg ist eher eine Gefahr, als alles andere. Nun ja, Ihr werdet es ja dann sehen - oder eben nicht.." Ein hustenreiches Lachen folgte, dann fuhr der Wolf fort: "Am Ende des Weges werdet Ihr eine riesige Höhle finden. In der Mitte befindet sich ein See. Dort ist Euer Ziel. Und nun Geht!"
Er drehte sich um, und machte Anstalten zu verschwinden. Merlin hielt ihn auf: "Wartet! Was soll das heißen, dort ist mein Ziel? Finde ich dort Leeana?" Ihm war bewusst, dass der Wolf wissen musste, dass er Leeana suchte, und eventuell auch, was er dann tun wollte.
Der Wolf drehte sich noch einmal um, seine Augen leuchteten wieder rot, als er ihm antwortete: "Es ist nicht meine Aufgabe, Euch dies zu erklären, MENSCH! Geht, bevor es zu spät ist! Mehr kann und werde ich Euch nicht sagen!" und dann verschwand er, so mysteriös und unsichtbar, wie er erschienen war. Er war einfach fort.
Merlin schaute noch einmal zurück - ins Nichts, dann drehte er sich um, und lief weiter geradeaus. Das Wesen hatte nicht zuviel "versprochen"; es wurde immer dunkler um ihn herum, wenn dies überhaupt möglich war, und er musste sich an der Wand festhalten, die aus felsigem Gestein bestand, damit er überhaupt wusste, wo lang er lief. Alles was er verstanden hatte war, dass er an einem See oder so etwas ankommen sollte, beziehungsweise einer Höhle, mit einem See. Doch was war dann? Und was hatte das mit Leeana zu tun?
Er wusste es nicht, doch das war egal. Langsam fühlte er, dass er seinem Ziel immer näher kam. Etwas zog an ihm, und er spürte, dass es Leeana sein könnte. Auch, wenn es zuerst nur ein unbestimmtes Gefühl war.
Merlin war vorsichtig. Er wusste zwar, dass ihm der Wolf zugesichert hatte, dass ihn kein Wesen mehr angreifen würde, doch ob dies tatsächlich der Fall war, wusste er nicht. Vielleicht hatte der Wolf gelogen, wer wusste das schon? Es war ein Wesen der Nacht, und, zu allem Überfluss, auch noch tot!
Plötzlich wurde es heller vor ihm. Er spannte seine Muskeln an. Anscheinend stand wieder eine Veränderung an. Langsam ging er diesem Lichtschein, den er sehen konnte, entgegen; und schließlich trat er durch eine Art großen Torbogen hindurch - und landete in einer riesigen Höhle. Er sah direkt, dass es der Ort sein musste, den der Wolf gemeint hatte - vor ihm lag ein riesiger See, voll mit Schalen, in denen sich kleine, bis mittlere, brennende Kerzen befanden. Nicht zu vergleichen mit den riesigen Flammen, in dem ersten Gang, durch den er gekommen war, und die ihn gejagt hatten, trotzdem fühlte sich Merlin unwohl, denn ihn überkam die Erinnerung. Er starrte auf die Kerzen auf dem See, doch diese rührten sich nicht, dann blickte er sich langsam in der Höhle um, und ihm fiel jetzt erst auf, dass es auch hier Stäbe mit größeren Flammen gab, die in regelmäßigen Abständen um die Wände herum standen... In seiner Nähe stand auch einer, und er wich diesem automatisch aus.
Plötzlich hörte er ein Lachen. Zuerst dachte er an den Wolf, und duckte sich, beziehungsweise machte sich darauf gefasst doch wieder von ihm, oder etwas anderem, angegriffen zu werden; doch es war nicht der Wolf, der einige Sekunden später vor ihm stand.
Merlin schluckte, als er IHN sah, und er wusste instinktiv sofort, wer es war, auch, wenn er IHN noch nie zuvor gesehen hatte. Es war der Tod. Und er sah nicht so aus, wie man ihn sich normalerweise vorstellte. Auch Merlin hatte sich den Tod als schwarz gekleideten Mann mit Sense, oder ähnlichem, vorgestellt, doch was er erblickte, war ein alter Mann, der theoretisch jeder sein könnte. Seine Haut war verrunzelt, und wenn Merlin schätzen würde, dann würde er ihn für mindestens über 100 Jahre halten. DAS sollte der Tod sein?
Wieder lachte der Alte, und antwortete: "Ja, ich bin der Tod. So alt wie das Leben, oder vielleicht sogar noch älter, wer weiß das schon..." Dann blickte er Merlin an, und auch seine Augen leuchteten, in einer Weise, die Merlin irgendwie vertraut vorkam...
Bevor Merlin etwas sagen konnte, fuhr dieser fort: "Ich weiß, weshalb du gekommen bist, ich habe dich gespürt, bereits als du dich auf den Weg durch das Nebelgebirge gemacht hast, um hierher zu gelangen. Denkst du wirklich, dass es einfach sein wird, eine Seele, die einmal in meinen Händen ist, wieder heraus zu holen? Einfach, geschweige denn, überhaupt möglich? Leben vergeht, Merlin, der große Zauberer! Und wenn es einmal vergangen ist, dann wird es niemals wieder zurück kehren können. Nicht in das Leben, was es einmal gewesen ist! Leeanas Seele gehört jetzt MIR!" Und etwas war in seinem Ton, das Merlin aufhorchen ließ. Es hörte sich ebenfalls grollend an, bedrohlich.
Doch Merlin ließ sich nicht einschüchtern. Er hatte zu viel durchgemacht, seit Beginn an, nicht erst hier, sondern vorher schon, also blickte er dem alten Mann in die Augen: "Du weißt ganz genau, dass es zuerst MEIN Leben war, das beendet wurde! Das musst du doch wissen, immerhin müsste meine Seele doch auch hier gewesen sein, bevor Leeana ihre für mich geopfert hat!" Und auch Merlins Augen blitzten.
Der alte Mann blickte ihn an. Dann antwortete er, langsam und bedächtig: "Als dies geschehen ist, hatte ich deine Seele noch nicht in meiner Obhut. Sie war noch in den Außenbereichen, dort, wo mein Stellvertreter sie abgelegt hat. Die Seelen sind wild, und bleiben dort noch eine ganze Weile, bevor ich sie hierher bringe. Auch du warst noch dort, doch als Leeana sich für dich geopfert hat, ist sie direkt hier gelandet. Das geschieht mit allen "Freiwilligen", sie kommen direkt zu mir. Und von hier kommen sie nicht mehr fort. Das hat dir mein Stellvertreter doch sicherlich erklärt, oder nicht? EIN Tausch ist möglich, aber sicherlich kein zweiter! Und erst recht nicht, wenn die Seele bereits hier ist!"
Merlin wollte die Worte des alten Mannes nicht hinnehmen. Er hatte nicht den ganzen Weg hinter sich gelassen, um nun unverrichteter Dinge zu verschwinden. Und wenn er mit dem Tod kämpfen musste, er würde es tun! Um Leeanas Leben!
Wieder lachte der alte Mann: "Nun ja, so dramatisch wird es nicht werden... Ich merke, du bist nicht von deinem Vorhaben abzubringen, das hatte ich befürchtet... Siehst du, die Seelen, die hier sind, geben mir die Unsterblichkeit. Ich sammle die Kraft, die sie umgibt, und sauge sie in mich auf. Die Lichter, die sie aussenden, sind meine Unsterblichkeit. Von daher verstehst du sicherlich, dass ich keine gewonnene Flamme wieder gehen lassen kann?"
Merlin unterbrach ihn: "Ich erwarte nicht, dass du sie ohne eine Gegenleistung freigibst! Ich gebe dir MEINE Seele! ICH war die erste Seele, die du hättest haben müssen! Und auch, wenn du mir x-mal erzählst, dass es nur einen Tausch gibt, so akzeptiere ich dies nicht! Ich kann es nicht akzeptieren, dass Leeana sich für mich geopfert hat! ICH bin bei diesem verdammten Kampf gestorben! Ich WAR tot! Du hättest meine Seele hier gehabt, wenn du schneller gewesen wärst, und Leeana das nicht getan hätte! Wenn es dir um Energie geht, dann ist meine um einiges kräftiger als Leeanas! Nimm meine, und lass sie frei! Ich flehe dich an! Der Kampf mit Morgana hat MICH das Leben gekostet..."
Der Tod unterbrach ihn. Bis jetzt hatte er still zugehört und gar nichts gesagt, sein Gesichtsausdruck war eher undurchdringlich gewesen, doch nun funkelte etwas in seinen Augen: "Sagtest du, "Morgana"?" fragte er, mit einem grollenden Unterton in der Stimme.
Merlin blickte ihn an. Was war daran so interessant? "Ja", antwortete er, leicht gedehnt. "Sie war es, die mich getötet hat... Ich muss gestehen, dass ich bei diesem Kampf wehrlos war. Ich hatte keine Chancen gegen sie..."
Der Tod sah ihn an: "Morgana... Ich warte schon seit Ewigkeiten auf ihre Seele, nun ja, du sagtest ja gerade, dass du zu schwach für sie gewesen bist.. Meinst du, dass sich dies ändern würde, wenn du wieder zurück bist und einen erneuten Kampf gegen sie führen würdest?"
Merlin schluckte. Was sollten diese Fragen? Er hatte nicht vor, zurück zu kehren; was er wollte, war doch wohl klar: Er wollte seine Seele geben, im Austausch für Leeanas! Und da war es wohl doch egal, was mit Morgana passierte...
Der Tod schüttelte den Kopf. "Ich sagte schon, so läuft es nicht! Deine Seele interessiert mich - erst einmal - nicht, Merlin! Du warst bereits hier und wurdest entfernt, durch die Opfergabe dieses Mädchens! Ich spüre sie, genauso wie alle anderen hier, in meinen Gliedern. Und ich brauche sie, genauso wie alle anderen hier.
Dennoch gibt es ein Wesen, das ich mehr brauchen würde, als alle anderen: Morgana ist eine der mächtigsten Hexen auf diesem Planeten! Wenn ich sie bekommen würde, könnten wir darüber reden.. Also gut, machen wir ein Geschäft: Ich werde dir sagen, wie du die Seele deiner Freundin zurück bekommen könntest - es wird nicht einfach sein, das versichere ich dir ebenso - und wenn es dir gelingt, könnt ihr zusammen gehen. Im Gegenzug wirst du mir Morganas Seele versprechen. Wenn ihr beide zurück seid!"
Merlin starrte ihn an. Morganas Seele? "Aber, aber wie soll ich das denn machen? Ohne ihr Wissen?..." "Es ist deine Entscheidung, Zauberer! Alles, was du tun musst, ist mir jetzt dein Einverständnis zu geben - und wenn ihr wieder oben seid, wirst du sie töten! Wenn dir dies gelingt, gehört ihre Seele mir! Gelingt es dir nicht, landest sowohl du als auch deine Freundin erneut bei mir - für alle Ewigkeit!"
Es war eindeutig. Der Tod hatte sich unmissverständlich ausgedrückt, und zuerst musste Merlin schlucken. Wollte er das wirklich? War er so grausam, über eine andere Seele zu richten, auch, wenn es die Seele Morganas war? Er würde eine fremde Seele verkaufen!... Doch er wusste, dass er keine Wahl hatte. Das, was er eigentlich vorhatte, würde der Tod nicht annehmen. Und er würde auf keinen Fall unverrichteter Dinge wieder gehen. Sich jetzt und hier einfach so auf die Suche machen, den Tod überlisten, mit Leeanas Seele fliehen... "Du kämst nicht weit, und Leeana auch nicht", hörte er; anscheinend konnte der Tod auch Gedanken lesen.. "Und wenn ich ebenfalls hier bleiben würde? So, wie ich bin, dann wäre ich wenigstens in ihrer Nähe. Ich kann ohne sie nicht mehr leben!" versuchte es Merlin noch einmal auf eine andere Weise.
Der Tod bleckte die Zähne: "Wenn du, so wie du jetzt bist, hier bleibst, wirst du früher oder später übernommen. Meine Wächter benehmen sich gerade nur, weil ich hier bin; sobald ich fort bin, wird ihnen dein Leben auffallen, und sie werden deinen Körper übernehmen. Einem von ihnen wird es gelingen. Deine Seele wird den Körper nicht verlassen, sie wird vernichtet! Und du wirst deine Leeana niemals wieder sehen. Du hast nur die eine Chance!
Nimm mein Angebot an - geh auf die Suche, ich werde dir sagen, was du tun musst - und wenn du sie gefunden hast, dann geht zurück an die Oberfläche. Finde Morgana und töte sie! Dann gehört ihre Seele mir, und ihr beide könnt leben, solange das Schicksal es zulässt. Wenn du erneut verlierst, oder du versuchst, mich zu betrügen, seid ihr beide schneller wieder hier, als du schauen kannst - und ebenfalls nicht zusamen. Nie wieder!" Sein Ton war wieder grollender geworden.
Merlin hatte verstanden. Er hatte keine andere Wahl. Schließlich hob er den Kopf, blickte den Tod an und nickte dann: "Ich verkaufe dir hiermit Morganas Seele; sollte ich es schaffen, sie zu töten! Doch wenn ich es nicht schaffe, und sie mich erneut töten sollte, dann bitte ich dich: Sei gnädig, bitte! Ich flehe dich an, nimm in diesem Fall nur meine Seele zu dir. Du kannst mit mir machen, was du willst! Lass Leeana am Leben, sie hat ihr ganzes Leben noch vor sich! Und, ich liebe sie..." flüsterte er noch, so leise, dass er glaubte, der Tod hätte es nicht gehört.
Doch natürlich hatte er es gehört. "Ich weiß! Das kann ich spüren. Also gut, ich bin nicht grausam, auch, wenn manche Menschen das behaupten. Von mir aus kannst du deine Seele ebenfalls freiwillig geben, falls es der Hexe erneut gelingen sollte, dich zu töten.
Doch wie denkst du, kannst du deine Liebste davon abhalten, dasselbe erneut zu tun? Auch sie liebt dich, genauso wie du es tust, Merlin. Auch, wenn sie dies bis jetzt noch nicht bemerkt zu haben scheint. Doch ihre Gefühle sind auch stärker geworden. Deswegen hat sie sich geopfert. Ich spüre diese Liebe wie einen brennenden Ofen, und es gibt mir Energie! Denkst du nicht, sie wird sich ebenfalls erneut opfern, für dich? Ich denke schon - und genau deswegen werde ich euch beide holen, wenn du verlieren solltest! Meinetwegen auch zusammen. Es soll mir egal sein. Doch merke dir: Dieses Leben hier ist nicht dasselbe, wie das Leben oben! Wenn du dies verhindern willst, dann sorge dafür, dass du gewinnst, Zauberer!"
Merlin ahnte, dass dies das letzte Wort des alten Mannes war, und so nickte er schließlich ergeben. Er hatte einen Deal mit dem Tod gemacht, und es hatte einen faden Beigeschack; immerhin bedeutete dies, dass er Morgana jetzt töten MUSSTE, ob er es wollte, oder nicht. Zudem hatte er ihre Seele verkauft...
Dennoch sah er keinen anderen Ausweg. Er wollte Leeana zurück, und so fragte er schließlich den Tod: "Wo ist Leeana?" Dieser antwortete: "So einfach ist das nicht, das sagte ich ja schon..." Dann zeigte er zum See hinüber, auf dem die ganzen kleineren bis mittelgroßen Behälter mit den Kerzen schwammen. "Dort ist deine Freundin! Eine der Kerzen, die du dort siehst, ist deine Leeana! Du musst auf ein Floß, und dich dich für eine Seele entscheiden. Suche sie, und nimm die Kerze heraus, von der du meinst, dass es Leeanas ist. Sollte sie es sein, wirst du es merken - genauso, wie du es merken wirst, wenn sie es nicht ist! Denn merke dir, Zauberer: Solltest du dir die falsche Seele nehmen, wird diese von dir Besitz ergreifen. Auch wenn sie hier noch mild und ruhig aussehen, sie werden es nicht mehr sein, wenn sie einen Lebenden unter sich bemerken. Noch habe ich sie im Griff, doch du wirst bald in ihrer Nähe sein, und wie sie sein können, wenn sie Leben spüren, hast du ja schon erleben können, nicht wahr?"
Merlin nickte und schauderte, als er daran dachte. Dann trat er langsam vor und der Tod führte ihn zum See. Dort stand ein Floß, das er zuvor gar nicht so beachtet hatte. Oder war es jetzt erst aufgetaucht? Er wusste es nicht. Es war auch egal, Merlin betrat das Floß, und es setzte sich von alleine in Bewegung.
Langsam, und scheinbar ohne gelenkt zu werden, fuhr es durch das Wasser. Die Flammen um ihn herum wurden heller. Von weitem hatten sie klein ausgesehen, doch nun machten sie den Eindruck, als würden sie immer größer. Merlin musste sich zwingen, seine Augen von ihnen abzuwenden. Einige von ihnen zogen ihn magisch an! Dann geschah es doch: Auch, wenn er sich beinahe zwang, sich abzuwenden, eine der Flammen, an denen er vorbei zog, übte eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Er schaute genauer hin - und meinte, Leeanas Gesicht in ihr zu erkennen! "Leeana", hauchte er, und wollte sich herunter beugen. Die Flamme wurde größer.
Sie loderte beinahe, und er hörte ein Raunen, und bildete sich ein, Leeanas Stimme zu erkennen. Die Flamme verwackelte in seinem Blick, als er wie hypnotisiert hinein starrte. Für ihn war klar, dass es nur Leeana sein konnte, er war nahe dran, ihren Namen erneut zu rufen, und sich für eben DIESE Seele zu entscheiden - als er eine weitere Stimme hörte, weit von ihm entfernt; sie war leise, dennoch so vertraut, und vor allem beinahe verzweifelt: "NEIN!! Merlin, NICHT! Sie verführt dich! Sie ist nicht ich! Merlin!..."
Die Stimme verklang, doch es reichte, um Merlin seinen Irrtum erkennen zu lassen. Dann sah er die Flamme richtig. Sie war groß geworden, und sie hatte ein Gesicht, doch es war nicht Leeanas. Er kannte die Frau nicht, die ihm dort entgegen starrte, doch es war eine Fratze, vor der er eiligst davon ruderte. Die Flamme schlug ihm kurz hinterher, doch dann sank sie wieder in sich zusammen. Merlin atmete hörbar auf. Dann ruderte er seinem Gefühl entgegen. Er hatte Leeana gehört! Und dieses Mal wusste er, dass es Leeana gewesen war! Er musste zwar erneut durch einige Flammen hindurch, die ebenfalls versuchten, ihn zu täuschen, doch es funktionierte nicht mehr. Er war auf dem richtigen Wege, dass wusste er, obwohl er Leeanas Stimme nicht mehr hörte. Und dann, Merlin war beinahe am anderen Ende des Sees angelangt, am anderen Ufer, fand er eine einsame, kleine Kerze, sie brannte zwischen Grashalmen. "Leeana!" flüsterte er, und ohne sie weiter anzusehen, hob er sie hoch. "Sie ist es!" sagte er, auch, wenn er sie nicht mehr hören konnte. Er hatte sich entschieden. Er fühlte es einfach, denn als er in ihre Nähe kam, fuhr ein Gefühl durch seine Glieder, das er so noch nie gespürt hatte, und er wusste, was es war, Liebe. Und dieses erhöhte sich ums hundertfache, als er ihre Kerze in den Händen hielt. Ja, sie war es!
Das Floß setzte sich mit einem Ruck in Bewegung, und war innerhalb weniger Sekunden zurück an dem Ufer, von dem er losgefahren war, und an dem der Tod auf ihn wartete. "Du hast dich richtig entschieden, Glückwunsch. Nun geh zurück, auf dem Weg, den du gekommen bist, verliere die Kerze nicht, und sorge dafür, dass sie nicht ausgeht! Hier ist sie geschützt, aber unterwegs kann sie durchaus vergehen. Solltest du sie verlieren, ist ihr Leben beendet. Sowohl dieses als auch das bei dir. Dann ist sie sowohl für dich als auch für mich für immer verloren!"
Merlin nickte nur. Er wollte jetzt nur noch raus! Und der Tod, in Gestalt des alten Mannes, nickte schließlich. "Gut, dann geh! Du musst den selben Weg gehen, wie du gekommen bist, und vielleicht hast du Glück, weil du die Seele trägst. Wer weiß?"
Damit war er verschwunden.
Merlin hielt sich nicht mit Gedanken auf, die sich darum kümmerten, wohin er verschwunden war, er machte sich sofort auf den Rückweg. "Du wirst bald wieder leben, Leeana!" flüsterte er, dann lief er so schnell wie möglich wieder zurück. Zuerst den dunklen Weg, auf den ihn der Wolf überfallen hatte, doch dieses Mal kam kein Ungeheuer auf ihn zu. Das einzige Unheimliche war die Dunkelheit, aber an die hatte er sich merkwürdigerweise schneller gewöhnt, als beim Hinweg. Und es kam ihm auch gar nicht mehr so dunkel vor, wie zuvor...
Doch er dachte nicht länger darüber nach. Alles, worauf er achtete war, dass die Kerze nicht ausgehen durfte. Leeanas Kerze musste brennen, solange, bis er sie zu ihrem Leichnam getragen hatte. Dann fiel ihm ein, dass der Tod gar nicht gesagt hatte, wie es dann weiter gehen sollte. Was sollte er dann tun? Doch darüber dachte er dann nach, wenn es soweit war, und er dort angekommen war, vielleicht wussten es die Zeitenwächter ja?
Er lief weiter. Plötzlich streifte ihn eine Windböe, und er legte gerade noch schützend die Hand über die Kerze. Merlin fluchte. Er legte noch einen Zahn zu, und schließlich kam er an den Weg, in dem die ganzen großen Gefäße mit den Flammen standen. Die wilden Seelen in Gestalt von Riesenflammen. Ob sie ihn wieder attackieren würden? Merlin machte sich darauf gefasst, doch dieses Mal geschah gar nichts. Die Flammen blieben in ihren Gefäßen, Merlin wurde nicht angegriffen.
Und dann war es soweit: Er hatte den Ausgang entdeckt, das Tor, durch das er gekommen war, und das von den Zeitenwächtern hinter ihm geschlossen worden war. Dahinter war Leeanas Leichnam. Das Tor war noch geschlossen. Er lief darauf zu und trommelte dagegen: "Macht auf! Ich habe Leeanas Seele! Und die Erlaubnis des Todes, sie heraus zu bringen, also Öffnet das Tor!" Merlin war wütend. Warum öffneten sie das Tor nicht?
Dann merkte er, wie es langsam immer weiter auf ging. Für seinen Geschmack eindeutig ZU langsam. Als es breit genug war, dass er durch kam passte, zwängte er sich hindurch. "Was soll das? warum Öffnet Ihr das Tor nicht gleich?" fragte er, wütend und ungeduldig zugleich. Die Antwort folgte auf dem Fuße: "Ihr seid sehr ungeduldig, großer Emrys..." hörte er die alte Frau, und etwas an ihrem Tonfall ließ ihn zwar ein wenig aufhorchen, doch er kümmerte sich nicht weiter darum. "Wo ist Leeana?" fragte er, sichtlich angespannt. "Dort, wo Ihr sie abgelegt habt, wo sollte sie sonst sein?" fragte die junge Frau, die Wächterin der Gegenwart.
Merlin raste zu ihr. Ihr Körper lag noch da, doch er sah mitgenommen aus. Merlin merkte, dass Zeit vergangen war, auch, wenn er nicht genau wusste, wie viel. Ihr Gesicht war eingefallen.
Merlin legte die Kerze an ihren Körper. Zuerst geschah gar nichts. "Was soll ich tun? Ich habe ihre Seele, irgend etwas muss doch jetzt passieren?!" "Das müsst Ihr selbst heraus finden, Zauberer. So, wie Ihr alles bis jetzt selbst entschieden habt. Ich hoffe, Ihr seid Euch wirklich sicher, in dem, was Ihr tut?" hörte er die junge Kinderstimme der Wächterin der Zukunft. Er blickte nach oben. "Ja, das bin ich! Und Ihr solltet es auch sein, denn Ihr habt doch die Zukunft gesehen und mich daraufhin hinein gelassen! Sagt mir, was ich tun soll, damit ihre Seele wieder zurück in ihren Körper findet, bitte!"
"Gebt ihr Zeit, die Seele findet den Körper schon, das ist der Lauf der Zeit" antwortete das Mädchen. Merlin knirschte mit den Zähnen. Die war ja genauso furchtbar wie ihre Mutter und deren Mutter! Zeit war genau das, was er nicht mehr hatte, so wie Leeana bereits aussah! Doch dann besann er sich zur Ruhe und führte sie zu der Kerze. "Leeana, ich liebe dich", flüsterte er, und küsste sie auf den Mund.
Dann spürte er plötzlich eine Wärme und zuckte von ihr zurück. Die Kerze wurde größer und er hatte schon Angst, sie würde, wie die anderen zuvor, nach ihm greifen; eventuell hatte er sich doch vergriffen, doch das konnte er einfach nicht glauben! Er war sich so sicher gewesen! Und dann sah er, wie die Kerze hoch schoss - und in Leeanas Mund und ihren Nasenlöchern verschwand.
Er wollte beinahe aufschreien, doch im selben Augenblick wurde ihr Gesichtsausdruck klarer - und sie öffnete die Augen. Leeana lebte wieder! "Leeana, du lebst", er umarmte sie, und zog sie an sich. Leeana konnte zuerst einmal gar nichts sagen, sie war die ersten Sekunden sprachlos. Dann blickte sie ihn an, als er sie wieder los ließ. Seine Augen strahlten, als er ihr ins Gesicht sah."ich bin so froh, dass du wieder da bist..." "Merlin..." flüsterte sie, als sie ihn sah: "was, was hast du getan? Du, du warst doch tot?! Ich hab dich gesehen, nach dem Kampf, du warst tot! Ich, ich habe meine Seele gegeben; wieso, wieso bin ich jetzt hier?" "Weil er deine Seele wieder zurück geholt hat, mein Kind", antwortete die alte Frau, die Wächterin der Vergangenheit, an Merlins Stelle.
Leeana setzte sich auf. Ungläubig blickte sie ihn an. "Du hast was?" fragte sie. Dann öffnete sie entsetzt die Augen: "Dann warst du das also doch, den ich gespürt habe, im See der Seelen? Der beinahe von Glori geholt worden wäre?..." Sie sank erneut leicht entkräftet zurück auf den Boden. "Merlin, warum hast du das getan? Ich habe mein Leben gerne für dich geopfert, du bist so viel wert für Camelot, für Arthur, für uns alle..." Dann blickte sie an ihm vorbei: "Wo ist Arthur? Elle, Jade... Wo sind sie?"
"Ganz ruhig, sie sind nicht hier..." Merlin musste ein wenig schlucken. Er hatte nicht vor, Leeana jetzt und hier alles zu erzählen, was er getan hatte, und vor allem, was das noch für ihn bedeuten konnte. Auch er wusste, dass es ihn immer noch seinen Kopf kosten konnte, gegen Arthurs Befehl verstoßen zu haben...
Und auch Leeana wusste es. Er konnte ihr nichts vormachen: "Du bist ohne sein Wissen gegangen? Sag mir warum, Merlin. Warum bist du nicht mit ihm gegangen, und hast dafür gesorgt, Camelot zu schützen? Er braucht dich doch!"
Merlin hielt es nicht mehr aus. Er legte einen Finger auf Leeanas Mund und dann küsste er sie sanft. So, wie er sie noch nie geküsst hatte. Danach blickte er ihr tief in die Augen: "Es tut mir leid, Leeana. Ich konnte es nicht zulassen! Zuerst konnte ich es einfach nicht ertragen, dass du dein Leben für MICH geopfert hast, ICH bin zu schwach gewesen, um gegen Morgana zu bestehen; doch damit hast du nichts zu tun! Ich musste es wieder umkehren!
Und dann, dann habe ich bemerkt, auf dem Weg hierher, was ich vorab nicht erkannt habe.. Ich muss dir etwas gestehen, und ich hoffe, dass es unsere Beziehung nicht zerstört, aber ich kann nicht anderes: Ich liebe dich, Leeana! Bis jetzt war es eine Liebe, die der von Bruder zu Schwester glich, doch dann änderte sich dies, und ich kann nicht einmal sagen, wann und wie... Doch jetzt weiß ich, dass ich mehr für dich empfinde. Du bist mein Leben, Leeana. Mehr als mein Leben, und ich hoffe, dass du es mir nachempfinden kannst. Wenn nicht, dann verzeih mir bitte. Dann werde ich dich los lassen; aber dann wenigstens ruhigen Gewissens, denn du weilst wieder unter den Lebenden..."
Weiter kam er nicht. Leeana hatte ihn angesehen, als sie begriffen hatte, dass er ihr gerade ein Liebesgeständnis machte. Ihr Bruder im Geiste, liebte sie, und auf eine Art, wie man keine Schwester lieben sollte; das wusste auch sie. Und dann ging sie tief in sich, und wusste, dass sie ebenso empfand. Langsam hob sie ihren Arm und streichelte seine Wange. "Ich fühle ebenso", flüsterte sie, kaum in der Lage zu sprechen. Und Merlin war es auch nicht.
Die Gefühle schossen in ihn, als er schließlich begriff, dass sie seine Liebe erwiderte. Er nahm ihre Hand und küsste sie. Dann nahm er ihren Kopf in seine Hände und küsste ihren Mund - Leeana erwiderte den Kuss. Langsam fuhr Merlins Hand unter Leeanas Kleid - und er spürte, wie diese leicht unter seiner Berührung zusammen zuckte. Er öffnete die Augen und blickte in ihre - und Leeana nickte. Sie schloss die Augen wieder. Merlin streichelte sanft ihre Haut, ihre Brüste; und auch Leeana begann, langsam und vorsichtig, seinen Oberkörper zu streicheln.
Beide vergaßen alles um sich herum. Auch, dass sie beobachtet wurden, von den drei Zeitenwächterinnen, interessierte sie nicht mehr. Sie küssten und streichelten sich gegenseitig, beide wussten nicht, wie viel Zeit verging.
Dann ließen sie schließlich doch voneinander ab. Leeana blickte ihn an: "ich liebe dich, danke, danke für alles!" Merlin zog sich langsam zurück und küsste sie noch einmal, dann sagte er: "Nein, ich liebe dich! Das, was du getan hast, kann ich gar nicht wieder gut machen!"
Leeana schüttelte den Kopf: "Bitte, hör auf, dich dafür zu bedanken.. Ich möchte, dass wir zurück nach Camelot gehen, Merlin, du bist Arthur etwas schuldig, dass weißt du!"
Und Merlin nickte. Ja, das war er, dass wusste er. Und auch, dass er etwas getan hatte, was eventuell noch schwerwiegende Konsequenzen haben könnte. Er hatte Morganas Seele an den Tod verkauft, und sich damit quasi verpflichtet, erneut gegen sie zu kämpfen. Er würde gewinnen UND sie töten müssen, ansonsten wäre er dem Tod geweiht. Und im Schlimmsten Fall sogar erneut Leeana. Und das würde er auf keinen Fall zulassen!
Beide standen auf und blickten zu den drei Wächterinnen der Zeit, die alle in ihre Richtung schauten. Ihre Blicke waren undurchdringlich, und so ganz konnte Merlin nicht deuten, ob sie ihre Beziehung nun guthießen oder nicht. Aber im Grunde war es Merlin egal. Alles, was er wissen wollte war, ob es ihm gelingen würde, den zweiten, unweigerlich folgenden Kampf gegen Morgana zu gewinnen; doch als er nach oben blickte, sah er, dass die Wächterin der Zukunft es ihm nicht sagen würde, selbst, wenn sie es bereits "gesehen" hatte.
"Dann sollten wir jetzt gehen!" sagte er, sowohl an Leeana, als auch an die Wächterinnen gewandt. Leeana nickte, und drehte sich ebenfalls noch einmal um. Auch, wenn sie diese Wächterinnen zuvor nie gesehen hatte, spürte sie, dass sie bei ihrer Rettung keine unwesentliche Rolle gespielt hatten. "Danke", sagte sie.
Das Mädchen antwortete: "Nun, ich weiß nicht, wem du danken solltest, mein Kind, beziehungsweise, ob du uns wirklich danken solltest. Bedenke, es gibt ein Sprichwort: Spiele niemals mit dem Tod..." Mehr sagte sie nicht, aber Merlin schauderte es, bei den Worten. Leeana sah von der Wächterin zu Merlin: "Was meint sie damit?" Merlin blickte zur jüngsten der Wächterin herüber, doch diese schwieg. Und so zuckte er nur mit den Achseln. "Ich weiß es nicht..." antwortete er, doch es fiel ihm schwer, die Wahrheit vor Leeana zu verbergen; zumal sie sich gerade so nahe gekommen waren. Und, was ihm noch einfiel: Leeana konnte seine Gedanken lesen. Wie lange würde es dauern, bis sie die Wahrheit aus ihm heraus bekommen würde? Doch das war ihm jetzt erst einmal egal. Jetzt ging es darum, nach Camelot zurück zu kehren. Er hatte sein Ziel erreicht - nun musste er zurück um Arthur zu helfen und das Königreich zu retten. Was auch immer noch geschehen würde, er konnte es ohnehin nicht ändern. Also lief er los, und Leeana folgte ihm, zuerst schweigend; doch dann merkte sie, dass etwas nicht ganz in Ordnung war, auch wenn sie - noch - nicht wusste, was es war, doch sie ging davon aus, dass Merlin es ihr irgendwann schon noch erzählen würde...

